Deutsche Bahn erreicht 52,4 Prozent Puenktlichkeit, Fahrgaeste feiern die Zahl als heimliche Glueckszahl der Nation

Im September kam nur gut jeder zweite Fernzug rechtzeitig an, das Jahresziel von 60 Prozent rueckt in weite Ferne, und Pendler entwickeln eine ganz neue Beziehung zur Zeit

Die Uhr ist nur ein Vorschlag

BERLIN. Die Deutsche Bahn hat im September im Fernverkehr eine Puenktlichkeit von 52,4 Prozent erreicht, wie Dr. Web ueber die Bahn-Puenktlichkeit im September 2026 berichtet. Gezaehlt werden Halte mit weniger als sechs Minuten Verspaetung. Im September 2025 lag der Wert noch bei 55,3 Prozent. Bahnchefin Evelyn Palla hat fuer 2026 ein Ziel von mindestens 60 Prozent ausgegeben. Um es zu erreichen, muessten die Fernzuege laut der Berechnung des Artikels von Oktober bis Dezember im Schnitt fast 70 Prozent schaffen.

Fuer Millionen Fahrgaeste ist die Zahl keine Statistik, sondern Lebensgefuehl. Ein Pendler aus Wolfsburg, der seit elf Jahren nach Berlin faehrt, sagt, er habe seine Armbanduhr inzwischen verschenkt. Die Uhr hat mir nur Hoffnungen gemacht, sagt er. Jetzt orientiere ich mich am Sonnenstand. Der ist zuverlaessiger als die Anzeigetafel.

Ein Jahr in Zahlen

Laut Dr. Web lag die Puenktlichkeit im Fernverkehr 2026 nur im Maerz, April und Mai ueber 60 Prozent, mit dem Spitzenwert von 64,4 Prozent im April. Im Januar waren es 52,1 Prozent, im Juni und Juli jeweils 52,6 Prozent. Bei DB Regio sieht es mit 88,2 Prozent deutlich besser aus. Als Ursachen nennt der Bericht Baustellen an Knoten und Hauptstrecken, Stoerungen an Anlagen und Langsamfahrstellen zwischen Berlin und Wolfsburg. Seit dem 2. Oktober ist die Schnellfahrstrecke Hannover Berlin fuer die Sanierung voll gesperrt, Zuege brauchen bis Dezember 2027 rund 80 Minuten laenger.

Eine Mathematiklehrerin aus Hannover nutzt die Zahlen inzwischen im Unterricht. Wahrscheinlichkeitsrechnung war frueher abstrakt, sagt sie. Jetzt frage ich: Wie hoch ist die Chance, dass der ICE puenktlich ist? Die Kinder verstehen das sofort. Muenzwurf. Kopf heisst puenktlich, Zahl heisst Ersatzverkehr.

Relais aus der Wirtschaftswunderzeit

Besonders beeindruckend ist ein Detail aus dem Bericht: Nur etwa zwei Prozent des Netzes verfuegen ueber digitale Stellwerke, mehr als 1.100 Relaisstellwerke stammen aus den 1950er und 1960er Jahren. Technikhistoriker sprechen von einem lebenden Museum. Ein pensionierter Stellwerker aus Kassel sagt stolz, sein altes Stellwerk sei noch in Betrieb. Ich habe dort 1971 angefangen, sagt er. Das Stellwerk war damals schon alt. Heute ist es aelter als der Bundeskanzler, aber es arbeitet immer noch. Das nenne ich deutsche Wertarbeit. Langsame deutsche Wertarbeit.

Die Entschaedigung als Nebeneinkommen

Bei 60 Minuten Verspaetung gibt es 25 Prozent des Fahrpreises zurueck, ab 120 Minuten 50 Prozent. Betraege unter vier Euro werden nicht ausgezahlt. Ein Student aus Goettingen fuehrt eine Tabelle seiner Erstattungen. Im September habe ich 63 Euro zurueckbekommen, sagt er. Das ist mehr als mein Nebenjob in der Mensa. Wenn die Bahn puenktlich wird, muss ich mir ernsthaft Sorgen um meine Finanzen machen.

Ein Vielfahrer am Bahnsteig in Fulda, waehrend er auf einen verspaeteten Zug wartete, blieb sachlich. Die Sanierung ist notwendig, sagt er. Das Netz wurde jahrzehntelang vernachlaessigt. Man kann nicht gleichzeitig alles reparieren und alles puenktlich fahren. Dann blickte er auf die Anzeige, die eine Verspaetung von 45 Minuten meldete. Obwohl, sagte er, man koennte es ja wenigstens versuchen.

Das letzte Wort

Am Berliner Hauptbahnhof ertoent eine Durchsage: Der ICE nach Muenchen faehrt heute aus Gleis 13 statt aus Gleis 14, Grund dafuer ist eine Reparatur an der Strecke. Hunderte Reisende setzen sich in Bewegung, ohne zu murren, mit der Gelassenheit eines Volkes, das gelernt hat. Eine aeltere Dame mit Rollkoffer laechelt. Frueher habe ich mich aufgeregt, sagt sie. Heute sehe ich es sportlich. Jede Reise ist ein Abenteuer. Und 52,4 Prozent, das ist doch mehr als die Haelfte. Fuer Deutschland ist das fast schon Optimismus.