Die Kundin hielt die Trinkgeld-Abfrage am Kartenterminal offenbar fuer die PIN-Eingabe, erst eine Beraterin von Pro Senectute entdeckte den Betrag auf dem Kontoauszug
Das teuerste Gebaeck der Schweiz
WINTERTHUR. Eine Seniorin hat in einer Baeckerei am Hauptbahnhof Winterthur versehentlich 1.612 Franken Trinkgeld bezahlt, wie t-online ueber die Trinkgeld-Panne in Winterthur unter Berufung auf das Konsumentenmagazin Beobachter berichtet. Die Frau wollte Ende Juli ein Nussgipfeli mit Karte bezahlen. Ein Sprecher der Baeckerei sagte: Wir vermuten, dass die Kundin dachte, dass sie ihre PIN eingeben muesse. Stattdessen gab sie offenbar ihre Ziffern als Trinkgeld ein. Weder Personal noch Kundin bemerkten den Fehler. Erst rund zwei Wochen spaeter fiel er einer Mitarbeiterin von Pro Senectute bei einer Finanzberatung auf dem Kontoauszug auf.
Damit ist das Nussgipfeli von Winterthur das wohl teuerste Gebaeckstueck der Schweizer Geschichte, und das in einem Land, in dem selbst ein gewoehnlicher Kaffee am Bahnhof schon wie eine Investition wirkt.
Der Feind heisst Kartenterminal
Kartenterminals mit Trinkgeld-Abfrage sind in den vergangenen Jahren immer haeufiger geworden. Kunden werden gefragt, ob sie zehn, fuenfzehn oder zwanzig Prozent geben moechten, oft bevor sie ueberhaupt ihren Kaffee in der Hand halten. Fuer aeltere Menschen, die mit Bargeld aufgewachsen sind, kann das verwirrend sein. Ein Rentner aus Zuerich spricht vielen aus der Seele. Frueher gab man der Verkaeuferin das Geld und sagte: Stimmt so, sagt er. Heute fragt mich ein Bildschirm, wie grosszuegig ich bin. Ich weiss nicht, wie grosszuegig ich bin. Ich wollte nur ein Gipfeli.
Eine Digitalisierungsexpertin aus Bern haelt die Gestaltung vieler Terminals fuer problematisch. Wenn ein Feld fuer den Betrag genauso aussieht wie das Feld fuer die PIN, sagt sie, ist der Fehler programmiert. Die Technik ist schnell, aber nicht immer verstaendlich. Wer nicht taeglich mit solchen Geraeten arbeitet, tappt leicht in die Falle.
Die Rueckbuchung
Laut t-online verwies die Bank die Frau an die Baeckerei, die einer Rueckbuchung zustimmen musste. Die Baeckerei zeigte sich kooperativ, der Filialleiter versprach, sich darum zu kuemmern. Ein Baecker aus St. Gallen versteht die Freude, die so ein Betrag kurzfristig ausloesen wuerde. Wenn ich ein Trinkgeld von 1.600 Franken sehe, sagt er, schliesse ich den Laden, fahre nach Ascona und komme nie wieder. Aber es gehoert sich natuerlich nicht. Also gibt man es zurueck. Mit einem Nussgipfeli als Entschuldigung.
Zurueck zum Bargeld
Die Frau sagte laut dem Bericht, sie fuehle sich mit Kartenzahlungen manchmal ueberfordert und wolle kuenftig nur noch bar bezahlen. In der Schweiz, wo Bargeld traditionell beliebt ist, duerfte sie damit nicht allein sein. Eine Seniorin aus Basel nickt zustimmend. Muenzen luegen nicht, sagt sie. Ein Fuenfliber ist ein Fuenfliber. Er fragt mich nicht nach Trinkgeld. Er liegt einfach in der Hand und ist ehrlich.
Die Lehre
Pro Senectute und andere Organisationen bieten Beratung fuer aeltere Menschen an, auch zu digitalen Zahlungen. Der Fall zeigt, wie wichtig regelmaessige Blicke auf den Kontoauszug sind. Ohne die aufmerksame Beraterin haette der Fehler moeglicherweise lange niemand bemerkt. Experten raten, Belege zu pruefen, am Terminal genau hinzuschauen und im Zweifel das Personal zu fragen.
Das letzte Wort
Am Hauptbahnhof Winterthur kauft ein aelterer Herr ein Nussgipfeli. Das Terminal fragt nach Trinkgeld. Er schaut lange auf den Bildschirm, dann auf die Verkaeuferin. Wie viel ist ueblich, fragt er. Sie laechelt. Was Sie moechten, sagt sie. Er tippt vorsichtig, Ziffer fuer Ziffer, und zeigt ihr den Bildschirm. Ein Franken, sagt er. Ist das in Ordnung? Sie nickt. Mehr als in Ordnung, sagt sie. Er steckt die Karte weg, nimmt sein Gipfeli und murmelt: Naechstes Mal zahle ich bar. Sicher ist sicher.